Ich war mit einem ungemein langweiligen Typen liiert, der mich immerhin mit auf seine Abifeier nahm. Er sprach einen unerträglichen Dialekt, stand auf Aldi – Frikadellen, stank genau so und hatte bis auf das Nagelbett herabgefressene Fingernägel (die diese Bezeichnung genaugenommen garnicht mehr verdient hatten).
Aus heutiger Sicht hatte er keinerlei Qualitäten ausser, dass er einige Jahre älter war, als ich und das war damals eben irgendwie schick.
Auf der Abifeier fiel mir am Nachbartisch ein “Mann” auf (so sehr Mann ein 21 jähriger Abiturient sein kann..) Dreadlocks, Surfertyp, unglaublich cool und ganz und gar das Gegenteil dessen, was mein aktueller Freund mir bot, so dass ich mich vor lauter Begeisterung und Staunen kaum noch einkriegte,mir das Herz raste und ich mich auf nichts anderes mehr konzentrieren konnte.
Das Gespräch des Nebentisches drehte sich um die ohne Zweifel sehr interessante Frage, ob Frauen ebenso formvollendet rülpsen können, wie Männer. Letztlich kam man zu dem Ergebnis, dass dies nicht der Fall sei, wozu alle Anwesenden des starken Geschlechts frohgelaunt auf den Tisch klopften und rülpsend gröhlten.
Mein Einsatz!
Mit dem unbeteiligsten Gesicht der Welt stand ich auf, nahm mir ein Bier, leerte es nahezu vollständig und rülpste den Nebentisch an die Wand.
Der Rastatyp gehörte mir!
Soweit so gut.
Was ich natürlich nicht wissen konnte und was ich, hätte man mich gewarnt, nie ernstgenommen hätte, war, dass er sexsüchtig war, keinen Tag ohne mehrfach sein konnte und wenn mir das nicht möglich war, Druck ausübte, um zu bekommen, wonach ihm verlangte.
Ich war sehr jung. Subtile Drohungen taten ihr Übriges. Schliesslich legte ich mich hin, liess ihn gewähren und mein Körper verkam nach und nach zum Ding. Losgelöst von Seele und Herz erfüllte ich meine Pflicht, befriedigte, was meine Aufgabe schien und hatte schon beinahe verlernt, dass dieser Zustand kein normaler war.
Eine Freundin war zu Besuch, übernachtete mehrere Nächte im Haus meiner Eltern und setzte meinem Dilemma ein vorläufiges Ende. So froh ich war, eine schlüssige Entschuldigung für ihn zu haben, so sehr ging ich damit unter, als die Freundin wieder abreiste und er sein Recht einforderte. Gewaltvoll. Auf der Ladefläche seines VW – Busses, vor dem Haus meiner Eltern.
Mein Vater, dem dieser zottelgelockte, nach Rauch und Cool Water stinkende Typ ein absolutes Gräuel war, sah den Bus am späten Abend auf der Strasse stehen, lief hin, klopfte immer wieder von aussen dagegen, rief meinen Namen und ob ich da drin sei.
Seine Hand auf meinem Mund verbot mir nachhaltig die rettende Antwort.
Mein Vater musste wohl geglaubt haben, dass ich nicht da war, er liess vom Auto ab und ging ins Haus.
Ich riss mich schliesslich los, zog mich an, huschte ins Haus, die Treppe hinauf, ins Bad und hätte mir unter der Dusche am liebsten die Haut abgerissen. Gleichzeitig war ein Teil von mir schon lange abgestorben, fühlte nichts, leer.
Meine Eltern haben mich nie darauf angesprochen, ob ich mit diesem Mann glücklich bin – aber als er am Folgemorgen vor unserer Haustür stand und renitent darauf beharrte, mich in die Schule bringen zu wollen, verwiesen sie ihn vom Grundstück und erläuterten ihm in aller Deutlichkeit, dass er sich nicht mehr blicken lassen sollte.
Ich sagte auch kein Wort, blieb aber so lange in meinem Zimmer, bis er sich verzogen hatte – ich habe ihn danach noch einige Male gesehen und Todesängste ausgestanden.